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  • AutorenbildAnja Harz

(Ver) Leitend

Fronleichnam. Aber heute herrscht schon früh Aufregung. Neue Ventile warten auf ihren Einbau und 250er Leitungen auf Leeren und Füllen von 180°igem Heißwasser. Ich habe die Bauleitung. Nach Begrüßung und beruhigenden Worten für den Chef der beauftragten Firma sehe ich allen bevorstehenden Schwierigkeiten gelassen ins Auge. In alte Klamotten gehüllt wate ich durch die ersten heißen Pfützen und meine alten Dortmund-Treter werden im Nu zu Badelatschen.

Was wie eine Bratpfanne aussieht, nennt sich Steckscheibe und soll trotz massiver Proteste von Chefchen (weil Kraftakt und zugegeben Sch...arbeit) auf meine Anweisung hin der Sicherheit wegen zwischen Rohr und Ventil eingesetzt werden. Ich verkünde noch schnell, dass ich wegen eventuellen Nichtschließens von Ventil und am Ende der offenen Rohrleitung arbeitenden vom Wasser überraschten und frisch blanchierten Delikatessen-Monteurs nicht die letzten Jahre meines jungen Lebens hinter Gittern verbringen möchte. Dies wiederum fände Chef auch schade und stimmt mir augenzwinkernd zu.

Dann passiert es: Ich muss die Scheibe anfassen! Sofort überfällt mich der Handwerkswahn. Ehe ich mich versehe, stehe ich mit 41er und 36er Schlüssel in der Hand, reiche zu, sehe nach Pumpen, baue um und entleere mit G. die nächsten Teilstrecken, während Löcher-Jeans und Hände die Farbe von Schwarzrohr annehmen und G. aus hygienischen Gründen die Verpflegung mit Menthos-Frucht-Dragees übernimmt. Die Zeit verfliegt.

Ich trinke was und überblicke vom Eck aus das Werkeln. Wie in alten Zeiten, denke ich. Und Erinnerungen an Lehre und die Arbeit als Installateurin drängen sich wehmütig in mein Bewusstsein. Wehmütig, weil alles mit einem Menschen verbunden. Meinem Vater. Gerade in diesem Moment ist er mir besonders nahe, als wäre er nie gegangen. Lange habe ich Angst gehabt, dass dieses Gefühl einmal vergehen würde. Doch auch nach zwei Jahren hat es nicht aufgehört. Es kommt plötzlich und unerwartet. Aber immer mit der gleichen Intensität. Vielleicht und hoffentlich ist das so mit Menschen, die man liebt...



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