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  • AutorenbildAnja Harz

Trocken

In den letzten Wochen werden in meinem persönlichen Bereich sehr viele Dinge offenbar. Aus aktuellem Anlass (zum mehrseitigen Interview von T. Schweiger im Stern und einer Stellungnahme seiner Kollegin Mimi Fiedler auf Instagram) wird hier mein Unmut, nein Wut und mein Sinn für Gerechtigkeit und Hilfe so sehr bewegt, dass ich hier teilen werde, worüber ich noch NIE gesprochen oder geschrieben habe. Und es wird gleichzeitig mein letzter Beitrag zu diesem Thema sein:


"...es klingelt. Mein Telefon. Ich reagiere nicht. Dennoch beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Nach einem weiteren Anrufversuch gehe ich ran. Dein bester Freund Oli ist am Telefon. Außer sich, aufgelöst, mit zitternder Stimme. Er sagt, ich müsse kommen, es sei wichtig, schnell. Ohne eine Frage radele ich los. Mein Herz rast. So, als wisse es bereits, was mein Verstand mit aller Macht verdrängt. Panik steigt in mir hoch, als ich den gewohnten Treppenabsatz hinaufspringe und den Lauten im Hausflur bis nach oben zu deiner Wohnung folge. Die Tür steht offen. Ich sehe Oli, steif und weinend neben der Couch stehend. Sanitäter wuseln umher. Sie packen gerade ihre Geräte ein. Ein Polizist fragt mich nach meinem Namen. Ich antworte in Zeitlupe und nehme kaum noch Geräusche wahr. Dann sehe ich dich. Am Boden. Deine Haut ist blass, deine Augen sind geschlossen. Neben dir Erbrochenes. Ich knie mich neben dich. Jegliches Gefühl entweicht aus meinem Körper. Ich streichle über dein Gesicht und erschaudere, wie kalt es ist. Deine Haare sind ganz nass, ein paar deiner unzähmbaren dunklen Locken kringeln sich um deine Ohren, als wäre nichts geschehen. Ich streiche sie sanft zur Seite. Und sitze schweigend da. Wie lange, kann ich nicht mehr sagen. Oli kauert sich neben mich und drückt meine Hand und murmelt immer wieder, dass er dir hätte helfen müssen. Mir fällt wieder dein Zettel ein, den du mir beim letzten Treffen im Freundeskreis vor einigen Tagen in die Tasche schiebst: "ich schaffe es nicht", stand da in deiner Handschrift. Mit einem Herz daneben.

Viele Monate zuvor sage ich dir, dass du zu viel trinkst, etwas nicht stimmt. Du hast es im Griff, höre ich immer wieder. Dass es nicht so ist, ahnst du leise auch. Aber es ändert sich nichts. Alkohol ist unser, dein Begleiter. Ich bin so verliebt, dass ich deinetwegen ein Praktikum bei den AA in Rostock mache und mich durch alles lese, was mir zur damaligen Zeit Erkenntnis bringt. Eine Erkenntnis, die eigentlich du hättest haben sollen. Stattdessen schiebst du mich mehr und mehr weg. Und sagst mir, dass man mit Bine wenigstens in Ruhe was trinken gehen kann. Auf die Frage, ob ich dir wirklich jemals auch nur einen Drink vermiest oder genörgelt oder dich zurechtgewiesen hätte, bekomme ich nur einen gesenkten Blick, der weiß, dass es nicht so ist, sondern nur deine eigene Scham, die du bei mir nicht haben musst. Aber Bine bleibt. Deine Freunde feiern mit. Auch Oli. Ich kämpfe, bis zum Umfallen, eine Eigenschaft, die ich gut kann, und ich erst im Oktober 2023 verstehen und endgültig ablegen werden würde. Als Bine deine Freundin wird, gehe ich. Verletzt und unsagbar traurig. Aber endgültig. Dass mein Entschluss nicht rückgängig zu machen ist, wird dir erst viel später bewusst.

Olis Schluchzen dringt leise in mein Ohr. Ich löse mich aus meinen Erinnerungen. "Alkoholvergiftung, Überdosis", höre ich einen Sanitäter zu Protokoll geben. Und plötzlich schlägt die Realität wild um sich. Ich begreife, dass du nicht mehr da sein wirst. Jetzt bahnen sich die Tränen unaufhaltsam ihren Weg und fangen an, mein Gesicht hinunterzulaufen. Sie tropfen auf deine Hand. Damit sie nicht nass wird, halte ich sie. Ich bin viel zu jung für so etwas. Auch du. Ich möchte nicht, aber irgendwann lasse ich los, dich, deine Hand. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Auch Oli werde ich nie wieder sehen. Ich breche jeglichen Kontakt ab. Und schweige…"


Und während ich das noch einmal lese, kämpfe ich mit meiner Wut über den misslungenen Versuch einer renommierten Zeitschrift (es lässt sich erahnen: vermutlich gegen genug Kohle), den Ruf eines bekannten Schauspielers wiederherzustellen und dabei den Eindruck zu erwecken, durch die Aussage eines Arztes, der in seiner Funktion mal einen Eid geschworen hat, Herr Schweiger habe kein Problem und mit einer Therapie wäre es wieder möglich, den alkoholischen Konsum zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen! Herr Schweiger ist mir absolut egal und sein Problem ebenfalls. Aber es geht überhaupt nicht, und zwar niemals!, zu sagen, jemand mit einem Alkoholproblem könne kontrolliert trinken!

Das ist ein Schlag für alle Ärzte, Therapeuten, die täglich versuchen, genau das den Menschen begreiflich zu machen, die jeden Tag gegen diesen kleinen Teufel im Kopf ankämpfen. Die einzige Kontrolle ist der komplette Verzicht. Denn kontrolliert trinken zu können, wünschen sich all jene, deren Gene nicht so angelegt sind, dass sie nach einem Glas aufhören können. (Siehe letzte Interviews Matthew Perry als jüngstes Beispiel). Und genau das geht eben leider NICHT, so sehr man es sich wünscht!

Und für alle, die meinen, dass mit den Jahren der Konsum weniger wäre und dann wohl doch kontrolliert, die irren. Denn der Körper benötigt mit der Zeit einfach immer weniger, um auf sein Level zu kommen, weil er einfach nicht mehr vertragen und abbauen kann, nebenbei laufen bereits meist jahrelange Schädigungen ab.

Auch in meiner Familie gibt es diese Krankheit (Bericht darüber erlaubt): mein Onkel meint bis heute (angefangen mit 14 Jahren), er könne kontrolliert trinken, seine Blutwerte (nicht die Leber, wie viele meinen) sagen längst was anderes, auch sein Verhalten (Unruhe, Leere, nirgendwo gern sein wollen etc.). Mein Vater hat selbst mit einer chronischen Pankreatitis und der Aussage eines Arztes, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs die nächste Stufe sei, nicht auf seine zwei bis drei Gläser Schnapsmischung am Abend verzichten wollen.

Man kann natürlich niemanden zwingen, raten ja, aber helfen nur bedingt. Denn hier hat in allen Fällen eins gefehlt: Einsicht.

Es ist nun einmal eine Krankheit, nicht mehr und nicht weniger, und für die der Betroffene nichts kann. Leider in unserer Gesellschaft absolut verharmlost. Aber eine solche Aussage öffentlich zu drucken, ist UNVERANTWORTLICH. Nicht auszudenken, wie viele Menschen nun denken: siehste, wenn der das kann, geht es wohl doch! Das grenzt an Körperverletzung und sollte genauso verklagt werden, wie würdeloses und druckmachendes, mobbendes Verhalten durch Führungskräfte, das andere sogar bis in den Tod führt.

Danke, liebe Mimi, für Deinen Mut als bekennende trockene Alkoholikerin, auch in Deinen Kreisen offen und ehrlich Stellung zu beziehen! Danke auch für Deine Rückmeldung! Ich ziehe meinen Hut vor Dir!


Und ja, ich liebe Kneipen mit den Jungs trotzdem noch und ich trinke auch gern mein Bier oder einen Schnaps. Aber ich habe eben dieses Gen, das mich in diesem Fall beschützt.

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