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  • AutorenbildAnja Harz

Stolperfalle

Mein damaliger Kollege K. gibt mir einen musikalischen Tip, noch lange bevor die Band die deutschen Charts stürmt. Ich you tube und sehe einen jungen Mann, der sich mit Jana Pallaske vom Nord- zum Südpol singt. Etwas fällt mir auf, zunächst ganz nebensächlich, doch dann macht es mich plötzlich nachdenklich: Ein T-Shirt mit der Aufschrift: die Seele ist eine dumme Pottsau. Mein Urteil schwankt von rotzfrech zu überheblich und endet letztlich bei tiefem Mitgefühl. Der Träger dieses Kleidungsstückes ist Frontmann Nicholas Müller, der in diesem Jahr wegen bekennender Angststörung die Band Jupiter Jones verließ. "Diese Krankheit ist eine ekelige Angelegenheit. Sie ist viel weiter verbreitet als manch einer so denkt und es muss mehr darüber gesprochen werden. Dringend", erklärte der Sänger in der Augsburger Allgemeinen.Angststörungen werden häufig durch traumatische Ereignisse, länger anhaltende Angstzustände hervorgerufen. Auch wenn diese Erlebnisse längst Jahre zurückliegen, die Schocks lagern sich ein, die Angst bahnt sich zunächst unbemerkt doch stetig ihren Weg. Und es passiert das, was sich kaum für Nichtbetroffene beschreiben lässt. Genau dann, wenn man nicht damit rechnet, beginnt wie aus dem Nichts das Herz zu rasen, es brennt und hämmert in der Brust, ein furchtbarer Schmerz zieht sich vom Ellenbogen den Arm entlang. Der Puls beschleunigt sich weiter. Die Luft wird allmählich knapp. Tausend Gedankenfetzen. Die Geräusche rundherum sind unerträglich laut. Jede Nähe ist zu dicht, die Angst wird Todesangst - Panik, die nicht mehr zu kontrollieren ist.Und spätestens nach den nächsten und in der Intensität zunehmenden Attacken ist klar, dass da etwas losgebrochen ist, das so schnell nicht zu beheben sein wird. Und den Alltag durchzieht. Immer in dem Bemühen, das alles unentdeckt bleibt. Vor allem Menschen, die ihren Alltag meistern, kämpfen und jede Menge wegstecken können, über einen hohen emotionalen IQ verfügen, halten diesen Zustand eine ziemlich lange Zeit aus und wehren sich und geschickt ab. Übermäßiger Stress, beruflich und privat, Druck, vor allem der gegen sich selbst, verschlimmern den Zustand. Auch den von Familie, Freunden und allen, denen man etwas bedeutet, die zusehen müssen und doch hilflos sind. "Wir haben mit dem Thema Angst und Panik seit 2006 zu tun", so die Bandkollegen von Nicholas Müller in der Zeitschrift Gala. "Das ist in erster Linie für den Betroffenen schlimm, aber auch für das ganze Umfeld letztendlich enorm belastend."Die Seele wird zur... Pottsau, leidet und macht auf sich aufmerksam, bis sie nicht mehr zu überhören ist.Und der Punkt kommt, an dem es nicht mehr weiter geht und der stumme Schrei nach Hilfe eine Stimme bekommt. Mit Mut zum Rückblicken und Verstehen. Ein steiniger Weg, jedoch ein trittfester. Denn Angststörungen können behoben bzw. sehr gut beherrschbar werden. Nicht gleich, aber immer besser.Begleitend von dem wichtigsten und dankbaren Gefühl, dass man eben doch nicht allein ist. Und beim Fallen auch wieder aufgefangen wird, von Liebe und Freundschaft.


"Man spricht ja nicht über Gefühle

höchstens mit Ärzten und so

Man lässt ja nicht jeden gern wissen

wohin der Puls rast und wieso

Und Liebe kommt schwer über Lippen

die Angst ham' vor Kitsch oder Zeit

Die sich schon längst geschworen haben:

wir fangen woanders an

Wenn nichts mehr weiter geht

fangen wir woanders an...


Wir waren mal Hals über Kopf

und furchtlos und selten und gut

Ich frag mich oft ob wirs nur lassen

weil jeder das irgendwann tut

Ich würd dir so gern was versprechen

sowas wie "alles wird heil"

Wenn wir uns einfach schwören können:

wir fangen von vorne an

Für alles das was zählt

fangen wir von vorne an


Wir können rennen

wir dürfen stolpern

Man hats noch nicht verloren

nur wenn man's vermisst..."


Jupiter Jones, „Rennen und Stolpern“
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