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  • AutorenbildAnja Harz

(Auf) Ruhr 2010

2002. Das Jahr, in dem ich mittelschwanger Platz 7 von Reihe 10 der Victoria-Tribüne besetze und meinem einige Wochen später rauszuquetschenden Nachwuchs mit genussvollem Zusehen die Liebe zum Fußball durch den Mutterleib übertrage. Aber auch das letzte Jahr, in dem wir als Mann und Frau gemeinsam eine der unvergesslichen Dienstreisen verbringen.

Heute bin ich wieder diensttechnisch unterwegs: in Essen. Schon auf der Fahrt hierher überkommt mich ein wohliges Gefühl.

Nach langem Tag finde ich mich zu vorgerückter Stunde neben Begleitung im Anzug in einer Zeche mit nobel  zum Restaurant umgebauten Werkshalle ein. Ich sehe mich um und traue meinen Augen kaum. Anders, aber dennoch wiedererkannt. Zurückversetzt, acht Jahre in die Vergangenheit: mit Freunden, und noch immer mittelschwanger, verbringen wir einen tollen Abend. Schön, vertraut. Aber heute wissen wir, nicht wirklich glücklich. Noch immer mit einer gewissen liebevollen Verbundenheit schicke ich eine SMS an den Vater meiner Kinder und bekomme dreißig Sekunden später Antwort. Er könne sich gut erinnern. Schön war es. Und ich weiß, dass auch er in Gedanken den gleichen Rest des Satzes hinzufügt.

Auf dem Weg zum Hotel teste ich den super BMW vom leicht verängstigten und sich innerlich gegen frauliche Übernahme des Steuers wehrenden Chefs. Muss ihm später noch sagen, dass er ziemlich lustig so hilflos dreinschaut. Keine Ahnung, warum sich die Route zum verdienten Bett quer durch Essen windet :-) Doch ich genieße jeden Kilometer, Lärm, nächtliche Stadtluft und Trubel.

Still und unbemerkt lächle ich vor mich hin und schweife gedanklich noch einmal kurz zurück. Ich höre ihn wie gestern: den scherzhaften ehelichen Kommentar von damals, der eine gewisse Portion Unverständnis für meine Ruhrpott-Begeisterung als reine Solidarität zur Arbeiterklasse ausdrückte.

Zugegebener Weise kann man rund um das irrste Straßenverwirrnetz Deutschlands wohl eher vom pragmatischen Städtebau als vom Grüne-Lunge-Wohn-Idyll mit Tagebau reden, aber dennoch löst dieses Gebiet jedes Mal wieder so etwas wie vergnügliche Faszination in mir aus. Vermutlich ist es ähnlich wie die Front der Liebe zu McDonalds oder Burger King, derer, die auf Volksfesten jedes fahrbare Hotmobil erproben müssen oder wie ich, NIE einsteigen, sondern sich Jacke haltend lieber um den Inhalt eines Weißbierglases kümmern... Es gibt kein Dazwischen. Man liebt den "Pott" oder eben nicht!

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