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  • AutorenbildAnja Harz

Abflug

Es ist kurz nach sieben in der Früh. Gerade das Gepäck vom Nachwuchs aufgegeben, freuen wir uns auf einen gemeinsamen Kaffee und schlendern durch die Flughafenhalle. Mmmmh. Vor der Abfertigung ist es bereits ungewöhnlich gefüllt. Der eine Familienteil stellt sich besser an und ich hole Kaffee. Mein Kind steht noch immer an der gleichen Stelle, als ich den heißen Becher übergebe. Blick nach vorn. Merkwürdig. Sämtliche Türen zur Kontrolle sind verschlossen. Keine Infos. Hinter uns füllt es sich zusehends. Überall fragende Blicke. Wir warten. Es bewegt sich nichts und niemand. Der Blick auf die Uhr verrät, dass es jetzt langsam Zeit wird. Hinter den Glastüren werden Menschen in polizeilicher Begleitung aus dem zollfreien Bereich geleitet. Innerhalb von wenigen Minuten ist es dort menschenleer. Es kommt ein mulmiges Gefühl auf. In unserer Umgebung wird es plötzlich sehr still. Keine Durchsage, außer der allgemeinen, man möge sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen. Mittlerweile gibt es in der riesigen Halle keinen freien Platz mehr. Die Masse hinter uns ist beängstigend, verhält sich aber glücklicherweise ruhig. Die Temperatur im Gebäude steigt. Die ersten Flüge werden annuliert. Noch immer keine Info. Nur die Anzeige verrät einen Polizeieinsatz. Die Handys werden befragt, doch keiner erhält eine wirkliche Antwort. Die Internetseiten des Flughafens sind nicht mehr zugänglich. Das Netz überlastet. Endlich. Nach fast vier Stunden wird verkündet, dass immerhin derzeit keine Gefahr bestünde, der Flugverkehr für diesen Terminal momentan ausfällt. Wir versuchen, uns zu einem der mittlerweile überfüllten Schalter der Lufthansa durchzuschlagen. Inlandflug. Umbuchen auf heute nachmittag. Gepäck umgebucht. Erschöpft fahren wir für zwei Stunden nach Hause und kommen wieder. Die Feuerwehr ist angerückt und versorgt das Gebäude über riesige Schläuche mit Frischluft. Wir kämpfen uns bis zur Abfertigung vor. Es dauert eine Stunde, ehe der Nachwuchs die Kontrolle erreicht. Die Polizei lässt nur in kleinen Abschnitten passieren. Das Kind ist drinnen. Ich schleiche ins Parkhaus zurück. Die Kosten dafür werden am Abend dreistellig sein. Kaum angekommen, erhalte ich die Info, dass unser Flug wegen angeblichen technischen Defekts wieder gestrichen wurde. Auto aus und alles auf Anfang. Nur diesmal komme ich nicht mehr in die Flughalle hinein. Wegen Überfüllung vorübergehend gesperrt. Der Nachwuchs sitzt noch im Abflugbereich. Per Telefon versucht die ganze Familie hier und am Zielflughafen umzubuchen, was umzubuchen geht. Um mich herum spielen sich kleine Dramen ab: alte Menschen, die erschöpft in der Sonne sitzen und vergeblich auf ein Ersatzhotelzimmer warten, große Urlaubsreisen, die sich erldigt haben, weil die Anschlussflüge erst wieder eine Woche später gehen, Tränen. Ich darf nach einer Stunde wieder hinein. Die Luft ist heiß und stickig. Immerhin werden nun Wasserflaschen verteilt. Die umliegenden Geschäfte räumen einen Teil der Innenräume für mögliche Sitzplätze frei. Am Lufthansaschalter verbringe ich noch weitere vier Stunden für zwei Meter Vorrücken. Eine Mitarbeiterin am Schalter steht auf, sagt, sie könne nicht mehr, geht und kommt nicht wieder. Der Schalter bleibt unbesetzt. Die Menschenmenge wird allmählich ungehalten. Die Polizei rückt an. Ich erreiche nichts. Am Abend wird der Nachwuchs am Zielflughafen auf den nächsten Tag gebucht. Wir können nach Hause. Der nächste Tag gestaltet sich ähnlich. Wir pirschen uns mittags durch zum leeren First-Class-Schalter zum Einchecken, während alle anderen Schalter brechendvoll sind. Wir haben auch die normale Holzklasse gebucht, aber mein Blick verrät der Dame mit gelbem Tüchlein um den Hals, dass eine Ablehnung ihr jetzt nicht gut bekommen würde. Sie teilt uns mit, dass sie telefonieren müsse, da wir nun doppelt gebucht wären. Das Problem lässt sich in einer Minute klären, zwei weitere Minuten benötigt die Frau, um dem anderen Telefonpartner mitzuteilen, dass ihr ihre Füße schon sehr wehtun würden. Ich trommele wütend mit den Fingern auf die Theke. Die Dame legt auf und gibt uns das Ticket. Ich schaue sie fragend an. Sie schaut ebenso zurück. "Gepäck...?" gebe ich als Stichwort an. "Ach so, ja. Gepäck haben Sie auch?" Bis gestern jedenfalls. Die Antwort ist ernüchternd. In der Abteilung geht weder etwas rein noch raus. Wir sollen den Koffer als verloren melden. Man könne nicht sagen, ob wir den je wiedersehen werden. Seinen geplanten Flug hat der Nachwuchs nicht bekommen. Es waren noch zwei weitere Umbuchungen zu einem anderen Flughafen nötig, um das Kind am Ende in Fahrgemeinschaft mitten in der Nacht zum Zielort zu bringen. Schadensersatz oder Rückmeldungen sollen wir von der Lufthansa auch später nicht erhalten. Nur das Gepäck taucht wieder auf. Ein ganzes Wochenende mit Stress verbracht, ärgert mich am Ende nicht die Panne in der Sicherheitskontrolle (Fehler sind menschlich), sondern die völlig unzureichenden Informationen und der teilweise sehr unprofessionelle Umgang der Fluggesellschaft. Wenn Flüge nach einem solchen Vorfall nicht zu halten sind, dann kann man das verstehen. Wie sollte der zeitliche Verlust organisatorisch rund um den Erdball auch wieder aufgeholt werden? Das ist garnicht möglich. Vertröstungen, technische Defekte fünf Minuten vor Boarding, keine Informationen über die Hallendurchsage (vor allem während der Sperrung des Terminals) sind dagegen absolut nicht nachzuvollziehen. Ich frage mich, wie der Flughafen sich im Falle einer wirklich bedrohlichen und gefährdenden Situation verhalten hätte und man mit Dingen, wie Angst und Panik hätte umgehen müssen. Bleibt zu hoffen, dass ein solcher Fall nie eintritt...

 



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