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  • AutorenbildAnja Harz

Wie lässt man gehen?

Ich folge dem Mann in Weiß, der versucht, mir etwas zu erklären. Ich verstehe ihn nicht.


Warum hat es so weit kommen müssen?


Da liegst Du, friedlich und ruhig. Ruhig, es ist so ungewöhnlich ruhig. Schnell schaue ich auf den Platz mit den vielen Geräten. Wo sind sie? Nur noch ein Tropf ist über einen dünnen Schlauch mit dem Port in Deinem Arm verbunden. Er sagt, es dauere noch ein paar Stunden. Ich sehe sie weinen. Ich bin da, aber ich fühle mich nicht. Ich kann nichts hören.


Warum brauchtest Du diese OP, konntest Dich nicht abfinden?


Sie nickt dem Doktor zu. Man würde sich melden. Dann nimmt sie Deine Hand und weiß, dass es keine Stunden mehr dauert. Eine einzige Berührung. Eure Liebe. Dein Atem wird unregelmäßig. Es scheint, als hättest Du gewartet. Es piept. Warum greift niemand ein? Sie streichelt Dein Gesicht. Der Ton wird ausgestellt, die Dosis des Tropfinhaltes erhöht. Sie sagt, Du sollest loslassen. Kannst Du sie fühlen? Sie verstehen? Dein Atem setzt langsam aus. Ich begreife jetzt: Du gehst.


Wieso hast Du keine Hilfe angenommen, als es noch ging?


Ich lege meine Hand auf Deinen Arm. Er ist so warm, so stark. Meine Finger fühlen über Deinen Unterarm. Auch wenn Du da liegst, fühle ich Deine Liebe und Deinen Schutz.


Mein Herz und Verstand rasen. Die letzten Jahre bestanden aus Angst, Verdrängen, Zweifeln und die Suche nach Sicherheit.


Dein Körper wird ruhiger. Die Farbe weicht aus Deinem Gesicht.


Ich höre Deine Worte: Fang endlich an zu leben, nur das bist Du Dir schuldig, lass los und such Deinen Weg, sei glücklich!


Dein Herz hört auf zu schlagen. Das letzte Gerät wird abgestellt. Ich spüre, wie die Wärme aus Deinem Körper entweicht.


Alles was ich tun kann, ist nichts. Nur ertragen und zusehen. Ich verstehe, dass es keine Sicherheiten gibt. Für nichts.


Ich lasse los. Auch meine Angst. Trauer erträgt sich besser, wenn man die Möglichkeit bekommt, sich zu verabschieden. Wenn alles gesagt und sich gezeigt wurde. Ich hatte die Möglichkeit. Was bleiben wird, ist das Vermissen und die Liebe. Aber auch der Wille und der Wunsch nach dem richtigen Weg zu leben...

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